Friedemann Hasse


Musik zum Träumen ...

Auf neunzehn Quadratmetern

Geschrieben von Friedemann Hasse | 8th May, 2015

In meinem zweiten Studienjahr hauste ich in einer 1-Raumwohnung einen weiten Steinwurf vom Erich-Kästner-Haus entfernt in der Dresdner Neustadt. Auf neunzehn Quadratmetern hatte ich einen uralten Flügel, ein komplettes Schlagzeug, Schreibtisch, Bett und kleine Essecke untergebracht. Ich wollte damals eigentlich Filmmusik-Komponist werden. Ich schrieb auch viel Musik. Die meisten Stücke landeten in Schreibtischschubladen und wurden mangels Gelegenheiten nie aufgeführt. Andere schrieb ich für Freunde zu besonderen Gelegenheiten (Hochzeiten, Diplomkonzerte, Musik für Theateraufführungen).

Auf manche meiner Kommilitonen wirkte ich damals vielleicht ein bisschen schräg. Ich hatte abgesehen von Staubsaugermusik mir z.B. angewöhnt, meinen Kram in einfachen Einkaufsbeuteln umher zu tragen. Die drehte ich vorher auf links, so dass man das aufgedruckte Logo nicht mehr sehen konnte, damit ich nicht zum kostenlosen Werbeträger-Träger würde. Das war noch vor der Entstehung des Hipster-Jutebeuteltrends. Ich war also ein Trendsetter! (Wenn auch kein besonders modebewusster.)

Irgendwann wurde ich doch von Sebastian gefragt, ob ich sonderbarer Mensch nicht als Ersatz für einen anderen Geiger einspringen könnte, denn es gab Terminprobleme bei den ersten Konzertanfragen. Ich lud also die „Band“ zu mir zum Proben ein, denn natürlich war auf meinen neunzehn Quadratmetern noch genug Platz für ein Cello und (damals noch) 1-2 Gitarren. In den wenigen Proben vor unserem ersten Auftritt in „Katy‘s Garage“ ging es eigentlich drunter und drüber. Sebastian wollte in kürzester Zeit möglichst viele seiner Songs im Programm haben und gab mir mit den Worten „Der Geiger vor Dir hat eigentlich immer irgendetwas gespielt, nichts Festes…“ zwei CDs zum Reinhören und diktierte mir Harmoniebuchstaben der Songs. Ich dagegen als Perfektionist wollte gern alle meine Stimmen aufschreiben, denn so arbeitete ich sonst auch. Eigentlich wollte ich sogar noch eigene Musik für unsere Besetzung umschreiben. Ich scheiterte kläglich am Zeitdruck und wurde nicht einmal mit der Hälfte von Sebastians Stücken fertig. Also improvisieren. Kein Problem. Das meinte auch unser damaliger Gitarrist Enrico, der eigentlich statt Sebastians Songs lieber neue Songs im Proberaum erfinden wollte. Improvisieren oder einstudieren? Ein ständiger Balance-Akt, der für uns auch in den folgenden Stilbruchjahren immer eine Herausforderung war. Nun brachte unser Schlagzeuger Florian seine Freundin noch dazu, die mitsingen sollte. Also wurden schnell noch Backgroundstimmen geprobt. Mehr Musiker passen wirklich nicht in die Wohnung, dachte ich damals. Aber es ist wie beim Kofferpacken: Ein paar Socken geht immer noch rein! – Enrico brachte seine Freundin auch noch mit. Nun hatten wir 4mal Gesang, 2 Gitarren, Cello, Geige und Djembe/Schlagzeug. Und die Songs von damals haben sich bis heute kaum verändert: Weil ich ein Mensch bin, My name is life, Eyes saw wonders… Die erste Musik, die komplett aus meiner Feder auf eine Stilbruch-CD gelangt ist, entstand 2013. So lange habe ich gebraucht! (Ist der letzte Titel des Albums „Alles kann passieren“.)


Kommentare

Sehr schön geschrieben! Genau sowas sucht der Stilbruch-Fan in mir, die alten Geschichten. Sehr schön! Ich mach schonmal ein Lagerfeuer an und freue mich auf mehr. :-) Liebe Grüße!


8th May, 2015 - Micha


Da musste ich ja sehr lachen, als ich die Einkaufstüten-Geschichte las...das war tatsächlich schonmal ein DDR-Trend bei Schülern in den 80ern: Plastiktüten aus dem Westen für de Schulsachen, wobei der Schulleiter einer Bekannten darauf bestand, dass die Beutel dann vor dem Gelände auf links gedreht wurden, um keine Werbung für den Klassenfeind zu machen :) Nachdem ich ja professionelle Friedemann-Stalkerin werden möchte (keine Sorge, es gibt noch weitere Friedes, die man bespitzeln kann, Du bist also nicht gemeint), lass ich mal einen Kommentar und einen Link da,und würde Dich in meine Blogroll aufnehmen, wenn Du magst. Musikblogs können sich ja ruhig gegenseitig ein bisschen pushen, finde ich. Also schau ruhig mal vorbei. http://froekensvariationen.blogspot.de/2015/05/forschst-du-noch-oder-stalkst-du-schon.html Ansonsten hoffe ich, dass dies auch tatsächlich ein Fried-licher Blog bleibt und Du ein bisschen über Dich erzählst, anstatt über die Band, die ja ausreichend andere Plattformen nutzt. Wieviel man von sich preisgeben will, ist ja ohnehin immer Sache des Verfassers. LG


9th May, 2015 - froeken finemang


Macht Spaß hier mitzulesen. Freu mich auf weitere Einträge/Einblicke. :-)


10th May, 2015 - Cori


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