Friedemann Hasse


Musik zum Träumen ...

Die erste Mugge

Geschrieben von Friedemann Hasse | 29th May, 2015

Über 16 Jahre ist es her, dass ich mein erstes, großes Geld mit meiner Geige verdient habe – mein Bruder und ich hatten unser erstes „musikalisches Gelegenheitsgeschäft“, kurz „Mugge“. Am zweiten Weihnachtsfeiertag waren wir für damals noch 450 DM zu einem Privatkonzert im wohlhabenden Dresdner Viertel „Weißer Hirsch“ gebucht. Als wir die Hausnummer suchten, wurde uns schnell klar, dass da noch eine höhere Gage möglich gewesen wäre: Eine Einfahrt mit Springbrunnen, anonymes Klingelschild, großes Haus in gepflegter Parkanlage. Der Hausherr hatte uns über drei Ecken zur Unterhaltung seiner Familie gebucht. Für die jüngeren Kinder kam noch ein Clown hinzu. Wir spielten einige Stücke. Es gefiel. Der Hausherr sprach mich an: Er hätte eine Tochter in meinem Alter. Er wolle sie holen lassen, damit wir uns unterhalten können. Jetzt war ich nervös! Aber aus irgendeinem Grund kam sie nicht. Wir spielten noch einige Stücke, dann konnten wir stolz wie Bolle mit unserem kleinen Vermögen nach Hause gehen.

Später lüftete sich das Geheimnis der nicht erschienenen Gastgebertochter: Es handelte sich um Andrea, meine Klassenkameradin zwei Bänke vor mir. Ihr war es furchtbar peinlich, als sie entdeckte, dass ihr Vater einen Schulfreund gebucht hatte. Zudem sollte niemand wissen, in welchen privilegierten Verhältnissen sie groß wurde. Andrea und ich haben uns nie näher kennen gelernt. Doch diese Bescheidenheit hat sich in meiner Erinnerung angenehm mit ihrer Person verbunden.

Die meisten Veranstalter sind nicht so bescheiden. Ich erinnere mich an eine Mugge mit Jewgenij, einem russischen Konzertpianisten. In nur zwei Proben hatten wir ein virtuoses Duo-Programm zusammengestellt (Lalos 2. Violinkonzert, Stücke von Ravel und anderen). Der Veranstalter hatte sehr genaue Vorstellungen: Eine Brautmodenshow mit hübschen jungen Modellen einer lokalen Modelagentur. Dazu ein als Harlekin verkleideter Moderator. Und natürlich klassische Musik. Ich sollte mich dem Publikum geigerisch als Weltstar verkaufen, was ich schon im Vorfeld als Beleidigung empfand. Reicht es denn nicht aus, wenn ich als ich selbst auftrete? Nein, ohne Superlative läuft nichts. Das Weltbeste ist gerade gut genug – und das natürlich zum günstigsten Preis!

Unser Programm wäre schon unter normalen Umständen eine Herausforderung gewesen. Aber wir hatten nicht einmal die Zeit, die örtlichen Gegebenheiten zu prüfen und das sollte sich als fatal erweisen. Unter Beifall und einer obszönen Ankündigung des Harlekins betraten wir den Raum. Erster Schock: Das absolut nicht vertrauenserweckend aussehende Klavier war von Stehtischen und dicht gedrängten, Sekt-beschwipsten Menschen umstellt. Ich sollte auf einer „Bühne“ mitten im Raum in einiger Entfernung und über die Köpfe der lautstarken Menge hinweg zu meinem Duo-Partner hin spielen. Beim Stimmen kam der zweite Schock und mir zugleich die Frage, was wohl das größere Übel sei: Die schlechte Stimmung des Klavieres oder der dumpfe Klang. Hat da etwa jemand ein Kopfkissen hinein gestopft? Leider nein. Das Ding klingt wirklich so… Wir fingen trotzdem zu spielen an. Ich hörte kaum etwas vom Klavier, dafür konnte ich wunderbar das angeregte Gespräch mit anhören, dass der Stehtisch hinter mir führte. Sie waren dem Programm hinterher und beschäftigten sich noch mit den jungen Damen, die die Brautmode präsentiert hatten.

An dieser Stelle möchte ich ein Geheimnis verraten. Die meisten Menschen können sich in einer Situation gut auf das Wesentliche fokussieren. In einem Film sehen sie auf den Hauptdarsteller mit der Waffe und blenden das Verkehrsschild im Hintergrund aus. Mir fällt das schwer. Ich rege mich darüber auf, dass der Kommissar entgegen der Einbahnstraße fährt. Beim Hören ist es noch viel schlimmer. Genauso wie ich meiner Geige zuhöre, höre ich auch das nicht endende Geschwafel des Harlekins, die Stehtischgespräche, Kellnergeräusche, das Husten und Atmen im überfüllten Raum, Geraschel der teuer-aussehenden und teuren Kleider und auch ein ganz kleines bisschen meinen russischen Duo-Partner. Und da kommt die erste schnelle 16tel-Stelle im 2. Satz Lalo. Ich ahne, was gleich passieren wird: Ich werde schwimmen. „Schwimmen“ nennen Musiker diesen wunderbaren Zustand, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Alles beginnt damit, dass man nicht mehr genau weiß, an welcher Stelle sich die Mitmusiker befinden. Natürlich spiele ich weiter. Ich schätze einfach das bis dahin gemeinsame Tempo ab, ähnlich wie das Navi im Auto, wenn man durch einen langen Tunnel fährt. Plötzlich höre ich wieder ein, zwei Töne aus Jewgenijs Richtung. Schade, schlecht geschätzt. Wir haben uns verloren. Also mache ich mich auf den Weg in Jewgenijs Richtung, um besser hören zu können. Inzwischen improvisiere ich. Es ist unsinnig, das Stück so fortzusetzen. Ich improvisiere ein kleines Ende, setze die Geige ab und schiebe mich durch die letzte Menschenhürde zu Jewgenij, der immer noch mit professioneller Miene spielt, als ob er hier irgendjemandem beweisen müsse, dass er sich nicht verspielt hat. Wir tauschen uns kurz aus und ändern die Strategie: Weniger ist mehr. Ruhige Sätze, inbrünstig und laut gegen die Geräuschwand des besten Publikums, das wir je hatten. Kenner hätten schon längst gemerkt, dass der Lalo nur noch zur Hälfte aus Lalo bestand. Aber welcher Kenner besucht so eine Veranstaltung? Welcher bleibt? Dieser Gedanke gefiel mir. Lass doch den Harlekin Schostakowitsch ankündigen, wir spielen Bach. Merkt sowieso keiner.

Und das Beste: Der Veranstalter bedankt sich danach höflich, besonders für den Schubert, den er so liebe.


Kommentare

Da bin ich ja fast froh, dass es noch jemandem so geht...ich kann Geräusche auch ganz schlecht ausblenden, das kann einen wahnsinnig machen, finde ich. Kichernde Teenies im Bus hinter mir, Autos...kein Wunder, das ich auf dem Dorf wohne :) Meine Quartettpartner haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass ich nicht stimmen kann, wenn jemand redet, bei größeren oder fremden Zusammensetzungen verschwinde ich mit Instrument auf dem Klo... hach, man hat schon seine Spleens... wobei ich die Vorstellung herrlich fände, einen Film mit Dir anzugucken... "Hey, der fährt in die falsche Richtung!" "Der ist von der Polizei, der darf das" ..."ja, aber da ist ein Spielstraßenschild...wenn da jetzt ein Kind kommt..." "Du weißt schon, dass das nicht in echt passiert?" :D : D einfach wunderbar! Und ein herrlich menschlicher Blog!


29th May, 2015 - froeken finemang


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