Friedemann Hasse


Musik zum Träumen ...

Meine erste Straßenmusik

Geschrieben von Friedemann Hasse | 13th May, 2015

Ich war ein schwieriger Geigenschüler. Ich war nicht unbedingt faul, aber ich mochte lieber spielen, was mir gerade in den Kopf kam, als zu üben. Außerdem gab es Phasen, in denen mich irgend eine andere Leidenschaft packte, und ich ließ die Geige tagelang im Geigenkasten. So wurde aus mir entgegen der Prophezeiung eines Bratschers, der mich als Kind erlebte, kein herausragender Geiger. Doch dank der unglaublichen Geduld, Mühe und Findigkeit meiner Lehrerin lernte ich doch irgendwie, mich auf dem Instrument auszudrücken.

Ganz anders dagegen war mein jüngerer Bruder. Er hatte schon damals einen schönen Klang auf dem Cello und war immer sehr organisiert. Wir waren ideale Duo-Partner, weil wir uns gut verstanden und gut ergänzten. Zusammen spielten wir uns in die Herzen der Seniorinnen und Senioren, die bei ihrem Spaziergang durch Schloss und Park Pillnitz von der Musik angelockt auf die niedlichen Jungen aufmerksam wurden. Das Kleingeld regnete nur so in den kleinen Geigenkasten. Als dann auch noch die junge Nichte meiner Geigenlehrerin bei uns mit einstieg, war wirklich kein Rentnerherz mehr vor uns sicher. Ich werde aber auch nie vergessen, wie nervös ich war, als wir zum ersten Mal vor fremden Menschen auf der Straße spielten. Wie mein Bruder und ich aufs Höchste konzentriert improvisierten, weil wir uns kurzzeitig verloren hatten und es keiner merken sollte. Für uns war das Straßenmusizieren wie ein Spiel: Wenn die Menschen uns gebannt zuhörten, hatten wir „gewonnen“, wenn sie an uns vorbei gingen, hatten wir „verloren“. Ohne uns dessen bewusst zu sein, lernten wir jede einzelne Note zu gestalten. Wir lernten, einen unsichtbaren Draht zum Zuschauer zu spannen. Vielleicht wurde aus mir dadurch zumindest ein guter Musiker.

Wenn man bestimmte Stücke sehr oft spielt, macht die Musik manchmal den Übergang von spannend zu vertraut, von vertraut zu nervend und schließlich von nervend zu regelrecht verhasst bis hin zur Empfindung von physischem Schmerz beim Spielen. Normalerweise wechselt man als Künstler einfach rechtzeitig das Programm und schafft Abwechslung. Schwierig wird das, wenn bestimmte Stücke immer wieder vom Publikum eingefordert werden. Für meinen Bruder war der berühmte Kanon von Johann Pachelbel ein solches Stück. Die Cellostimme an sich besteht aus zwei Takten, die sich immer wiederholen – ein sogenanntes Ostinato. Keine Hochzeit, auf der dieses Stück nicht gespielt wird…

Als mein Bruder seine Hochzeit ankündigte, waren für mich zwei Dinge sofort klar: Erstens schreibe ich ihm ein Stück für die Trauung. Zweitens werde ich ihn ein wenig aufziehen. Das Stück sollte mit dem Anfang des ihm so verhassten Pachelbelkanons beginnen! Der Rest ergab sich von allein. Ich vertonte den Trauspruch, gewann viele Freunde für die gemeinsame Aufführung. Wir bauten zuerst nur die Pachelbel-Besetzung auf, die anderen kommen während des Stückes dazu.

Ich habe die Erlaubnis, Euch einen Einblick zu geben.


Kommentare

Hat das Brautpaar, also Dein Bruder und seine damals zukünftige Frau, den Trauspruch selbst gesungen? Also falls ich jemals heiraten sollte, weiß ich jetzt wen ich für Vertonung der Trauzeremonie engagieren kann... ;-)


13th May, 2015 - Peggy M.


Ja, ja. Cello-Geige-Brüder. Kenne ich. :-)


13th May, 2015 - Christoph Uschner


P.S.: schicke Aufnahme! :-P


13th May, 2015 - Christoph Uschner


Liebe Peggy, gesungen haben gute Freunde des Brautpaares. Gern schreibe ich Dir ein Stück, musst nur heiraten ;-) Liebe Grüße!


13th May, 2015 - Friedemann


Hihi. Wer hier nicht alles mitliest.. :-) Der Christoph...


14th May, 2015 - Cori


So, nun bist Du in der Blogroll aufgenommen, und Blogger meckert, dass kein Feed aktiviert ist und keine neuen Blogposts angezeigt werden können... wäre vielleicht ein Tipp, falls Du Dich weiter vernetzen willst :)


19th May, 2015 - froeken finemang


Ach ja...den Pachelbel-Kanon hasse ich übrigens auch :) So schön er klingt, aber er ist cellistenverachtend :D


19th May, 2015 - froeken finemang


Liebe Polyantha, das mit der Blogroll freut mich sehr. Ich werde mich mal damit beschäftigen, was ein Feed ist und wie ich ihn aktiviere... Natürlich habe ich auch schon einmal in Deinen Blog reingeschnuppert. Schön, dass Du so breit gefächert schreibst. Ich glaube, jeder Klassik-Liebhaber wird bei Dir noch den einen oder anderen guten Tipp finden. Ich habe zum Beispiel den Octobass bei Dir entdeckt! Link zum Octobass. Danke!


20th May, 2015 - Friedemann


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